Faserland (1995) von Christian Kracht wurde von Vielen als ein Manifest von der Dandykultur, der Kultur von den reichen oberflächlichen prahlenden Jungen,  gelesen. Obwohl der Roman über die Dandykultur erzählt, gibt es viele Elemente außerhalb dieser Kultur, mit literarischen Werten. Er gibt die Anspielungen auf andere literarische Werke, wie zum Beispiel, dass Thomas Mann und seine Werke besonders wichtig in Faserland sind. Der Ich-Erzähler versucht am Ende das Grab von Thomas Mann zu finden. Er sagt, dass Thomas Mann ihm gefällt, nicht Frisch oder Hesse. Es war Thomas Mann, weil Faserland parallel zum Der Tod in Venedig (1912) ist. Deswegen endet Kracht den Roman mit Thomas Mann. Die homosexuellen Erfahrungen des Ich-Erzählers können parallel zu der Zuneigung zwischen Aschenbach und Tadzio in Der Tod in Venedig gelesen werden und die körperliche Änderung des Ich-Erzählers ist auch parallel zu der Krankheit in Manns Venedig.  Meine These lautet, dass Kracht dionysische Elemente vom Manns Roman von Kracht in Faserland  recyclet.

Die beiden Hauptfiguren reisen von einem apollonischen Leben zu einem dionysischen Leben und die beide Werke benutzen zwei Extrema von Die Geburt der Tragödie (Nietzsche: 1872), um diese reise zu beschreiben. Als Apollon der griechische Gott ist, der das geordnetes Leben fordert, ist Dyonisus ein Gott aus dem fremden Osten, der die Ordnung zerstört.

Die homosexuellen Erfahrungen in Faserland lassen die Leser an Tadzio aus Der Tod in Venedig denken. Der aristokratische Hauptfigur von dem Roman, Gustav von Aschenbach, verliebt sich in einen kleinen polnischen Jungen, Tadzio. Der alte Schriftsteller bemerkt den polnischen Jungen als ein Wesen „[mit] dem Ausdruck von holdem und göttlichem Ernst, [und] erinnerte an griechische Bildwerke aus edelster Zeit“ (Mann 1983: 31) und bewundert Tadzios perfekte Schönheit. Die Bewunderung war anfangs rational und geordnet. Als Aschenbach mehr von Dionysus beeinflusst wurde, gerät die Bewunderung aus der Ordnung. Aschenbach liebt den Jungen so viel, dass er die polnische Familie über die gefährliche Krankheit nicht warnen kann: „Denn der Verliebte besorgte nichts, als dass Tadzio abreisen könnte und erkannte nicht ohne Entsetzen, dass er nicht mehr zu leben wissen werde, wenn das geschähe.“ (Mann 1983: 60) Ein Mann mit aristokratischen Werten muss irrational reagieren wegen des homosexuellen Dranges.

In Faserland hat der Ich-Erzähler einen ähnlichen Drang und reagiert wie Aschenbach.  David Clarke denkt, dass Ich-Erzähler von seiner Homosexualität von einer Stadt in eine Stadt getrieben wurde (Clarke 2005: 36). Das erste Zeichen seiner Homosexualität ist seine durchgefallene Beziehungen mit den Frauen. Als Karin am Anfang mit ihm eine Beziehung sucht, scheint er widerwillig: „Throughout the encounter, in which the woman takes initiative, the narrator finds that he has great difficulty in concentrating… adopts a clearly distanced attitude towards her, even though he claims to be attracted to her”  (Clarke 2005: 44). Er hat ähnliche Probleme auch mit anderen Frauen. Neben diesen durchgefallenen Erfahrungen mit Frauen fühlt sich der Ich-Erzähler zu  einigen Männer hingezogen. Diese Männer sind alte Freunde wie Nigel oder komplett Fremde wie Eugen. Das erste Mal ist der Austausch des Schlüssels zwischen ihm und Nigel, sein Freund in Hamburg, suspekt. Die Beschreibung des Ich-Erzählers für Nigel unterstützt diese Idee: „Er kann gut zuhören, und er schaut einen ganz genau an, wenn er zuhört, und man hat das Gefühl, als ob das, was man sagt, ihn wirklich und ernsthaft interessiert. Nicht viele Menschen können einem dieses Gefühl geben“ (Kracht 1995: 34). Der Ich-Erzähler genießt es mit Nigel zu sein, bis er Nigel mit einem Mann und einer Frau im Bett sieht. Dann geht er weg von Hamburg, vielleicht um vor seiner  Homosexualität zu fliehen. Wie Aschenbachs, ist ihre Beziehung nicht mehr rational sondern impulsiv.

Wie Nigel, ist Eugen ein Mann, mit dem der Ich-Erzähler sexuelle Elektrizität verspürt. Obwohl er Eugen nicht kennt, nimmt der Ich-Erzähler Eugens Einladung in einer Bar zu einer Hausparty an. Die Spannung wächst als sie zusammen sind. Seine wiederholende Beschreibung für Eugens Zähnen scheint auch homosexuell. „Eugen hat ja ein gutes Jackett an, und hat seinen Pullover um die Hüften gebunden, und hat weiße Zähne“ (Kracht 1995: 96). Es erinnert die Leser an die aristokratische Schönheit von Tadzio in Manns Buch: „Sein Antlitz, bleich und anmutig verschlossen, von honigfarbigenem Haar umringelt, mit der gerade abfallenden Nase, dem lieblichen Munde“ (Mann 1983: 30). Die beiden Hauptfiguren zeigen ihr Interesse bei der reiflichen und wiederholenden Beschreibung von dem Anderen.

Das andere gemeinsame dionysische Thema in zwei Werken ist die biologische Fäulnis in den Leuten. In Der Tod in Venedig verkörpert sie sich in der fatalen Krankheit in Venedig. Diese Krankheit hat drei Ebenen: gesellschaftlich, persönlich und homoerotisch. Die exotische Krankheit zeigt, wie verdorben die moderne Gesellschaft ist: „Aber die Furcht vor allgemeiner Schädigung, die Rücksicht auf die kürzlich eröfnette Gemäldeausstellung in den öffentlichen Gärten… zeigte sich mächtiger in der Stadt als Wahrheitsliebe und Achtung vor internationalen Abmachungen“ (Mann 1983: 72). Die korrumpierte Geselschaft in Venedig denkt, dass der materialiste Gewinn wichtiger als die allgemeine Gesundheit ist. Diese gesellschaftliche Krankheit zeigt sich auch in Aschenbach, weil er die Krankheit in der Stadt bemerkt und sie in sein selbst lässt beim nichts tun. Er verbindet sie mit seiner Passion für Tadzio: „To him, though, his cholera seems not a threat but a confirmation, an accomplice even, of his passion; the city has its own dark secret, and one kind of disorder winks at another.” (Reed 1994: 61). Seine Persönlichkeit, die Krankheit und Tadzios gebrechliche Schönheit sind sicher verbindet. Als er alle drei zusammen bringt, fantasiert er von der Krankheit Tadzios: “Doch schien er blässer heute… Seine ebenmäßigen Brauen zeichneten sich schärfer ab, seine Augen dunkelten tief. Er war schöner, als es sich sagen lässt“ (Mann 1983: 57). In Der Tod in Venedig ist die Krankheit die Ausbreitung der dionysischen Kraft.

Parallel zu der Krankheit in Manns Venedig ist der körperliche Untergang des Ich-Erzählers im Faserland. Wie Aschenbach wird der Ich-Erzähler mehr und mehr krank während des Buches.  Der körperliche Untergang beginnt auf der gesellschaftlichen Ebene wie die Krankheit in Venedig. Als Aschenbach die Krankheit in Venedig beobachtet, sieht der Ich-Erzähler erst den körperlichen Untergang in anderen Leuten. Das betrunkene Mädchen in Nigels Party übergibt sich in der Badewanne: „Nicht ein normales Übergeben, sondern ein richtiger Schwall, wie in Der Exorzist, nur eben nicht grün, sondern rot“ (Kracht 1995: 46). Nicht viel später, beginnt er, sich selbst krank zu fühlen. Der Ich-Erzähler ist krank in dem Hotelzimmer in Frankfurt und muss sich übergeben. Wahrend seiner Reise isst er nicht richtig, nimmt viele Drogen und schläft nicht genug. Wie Aschenbach, kümmert der Ich-Erzähler sich nicht um seine Gesundheit. Als alles chaotischer in seinem Leben wird, scheint es normal, dass sein Körper Probleme hat, die von seine ungesunde Lebensart stammen: „Dann merke ich, dass ich furchtbar betrunken werde durch diese zwei Biere… dann fällt mir ein, dass ich außer diesen Pfirsich-Joghurts am Hamburger Flughafen seit Sylt nichts mehr gegessen habe“ (Kracht 1995: 94). Als er sich von seinem Körper löst, verliert er die Kontrolle über sein Leben. Wie Aschenbach zu seinem Tod läuft, läuft er zu seiner totähnlichen Erfahrung.

Die Leser sehen, dass das dionysische Chaos im Faserland mit der Zeit zunimmt. Der Entscheidungs-Mechanismus des Ich-Erzählers wird zerstört, nachdem er Sylt verlässt. Drogen sind ein wichtiger Faktor in diesem Prozess: „Na ja, ich kann das ja mal versuchen. Ich weiß auch nicht, warum ich das mache, denn im Grunde finde ich Drogen absolut widerlich, aber ich stecke mir das Ding in den Mund“ (Kracht 1995: 41). Seine grundlosen Entscheidungen über Drogen fördert mehr chaotische Entscheidungen. Er flieht von einer Stadt zu einer anderen Stadt ohne Grund in „a senseless and aimless journey“ (Liesegang 2004: 264). Er fühlt sich befremdet vom seiner Identität und seinem „Faserland“, das wie der Abgrund ist. Aschenbach denkt über dieses Problem: „Wir möchten ihn wohl verleugnen und Würde gewinnen, aber wir uns wenden mögen, er [der Abgrund] zieht uns an“. (Mann 1983: 79). Obwohl der Ich-Erzähler sich von seiner chaotischen Gesellschaft befremdet fühlt, beeinflusst sie ihm, in einem dionysischen Abgrund zu leben.

Neben den Krankheiten und Homosexualität, fordert die bildlichen Darstellungen in den beiden Bücher die dionysischen Elemente. In Der Tod in Venedig ist Aschenbach schließlich gehorsam zu Dionysus, indem die Erzählung zahlreiche dionysische Beschreibungen hat. Dionysus ist oft beschrieben als ein Dämon oder ein fremder Gott: „seine Schritte folgten den Weisungen des Dämons, dem es Lust ist, des Menschen Vernunft und Würde unter seine Fuße zu treten“ (Mann 1983: 61). Der Brechpunkt ist der Traum, in dem Aschenbach eine dionysische Orgie sieht. Nach dieser Darstellung mit dem „fremde[n] Gott“ (Mann 1983: 74) verliert er seine Selbstbeherrschung, und beginnt ein chaotisches Leben. Der dionysischen Traum repräsentiert Kampf zwischen seinem Ich und seinem Es (Freud 1962): „If the god is „alien“ only in the sense that human beings refuse to recognize those impulses in themselves… then the story becomes a parable of what in modern times is known as repression“ (Reed 1994: 65). Obwohl Aschenbach sein Es unterdrückt, gewinnt es schließlich gegen Aschenbach. Sein dionysischer Teil besteht in den Darstellungen und seinen Handlungen.

Obwohl in Faserland ein direkter Hinweis auf Dionysus fehlt, handelt es sich um dionysische Darstellungen. Der Gott des Chaos kommt aus der Psyche des Ich-Erzählers. Die Szene in Nigels Haus ist ein gutes Beispiel für dionysische Elemente: „Auf der Bettkante sitzt der Stuessy-Kappen-Jazzfreak und hält Nigels Penis in der Hand, und mit der anderen Hand reibt der Jazzfreak an den Brüsten von dem Model herum“ (Kracht 1995: 49). Diese Szene erinnert die Leser an den dionysischen Orgie-Traum von Aschenbach.  Auch am Anfang des Buches sehen die Leser dionysische Beschreibungen von dem Ich-Erzähler: „die Menschen [bei Kassel], die sich beschwert haben, genau unter dieser Eisenbahnbrücke gewohnt haben, also diesen Menschen ist, immer wenn ein Zug über sie hinwegdonnerte, die Schiesse aus den Toilette auf ihre Hauser gefallen“ (Kracht 1995: 27). Er ist immer bezaubert von solcher Fehlordnung, weil er sie in seinem Kopf findet. Deswegen halluziniert er gelegentlich solche Szene. Als er in Heidelberg auf Eugens Party ist, stellt er sich vor, dass er Nigel mit einem Mädchen sieht. Aber der Mann, der am wahrscheinlichsten nicht Nigel war, kennt den Ich-Erzähler nicht. Jetzt gibt es in seiner dionysischen Welt keinen Unterschied zwischen der Wahrheit und den Träumen. Der Ich-Erzähler findet sich im Abgrund von Der Tod in Venedig.